Musik geht unter die Haut
Über die heilende Kraft der klassischen Musik und die wissenschaftlichen Erkenntnisse darüber
Forscher verschiedener Wissenschaftszweige befassen sich international mit dem Thema der Wirksamkeit von Musik auf den Organismus bei Krankheiten. Professor Dr. Eckart Altenmüller vom Insitut für Musikphilologie und Musikmedizin in Hannover: „Wer im Alter von 60 oder 70 Jahren anfängt, Klavier zu spielen, kann seine Gedächtnisleistung verbessern. Auch bei Schlaganfallpatienten konnten wir bei den Feinmototik-Tests eine Beschleunigung feststellen, wenn Musik eingesetzt wurde.“ Manche Erkenntnisse gibt es per Zufall wie bei Professor Dr. Harald Schachinger vom Waldkrankenhaus in Berlin. Der musikalische Professor übte auf dem Cello in der Nähe von Frühchen und bemerkte Verbesserungen in deren Entwicklung. Die Atmung normalisierte sich und die Frühchen konnten früher vom Beatmungsgerät genommen werden. An der Uni-Klinik in Heidelberg wurden diese erstaunlichen Beobachtungen überprüft. „Alle Frühchen, die mit einer Klassik-CD beschallt wurden, entspannten sich. Ferner steigerte sich die Anzahl der roten Blutkörperchen und die Durchblutung verbesserte sich“, sagt Mathias Nelle von der Uni-Klinik Heidelberg. Allerdings stellte sich heraus, dass es schon bei den Kleinsten einen unterschiedlichen Geschmack in Sachen Musik gibt. Ganz so, wie sie wohl die Schwangere bevorzugte. Die einen mögen eher Pop, die anderen Klassik. Musik kann bei den verschiedensten Beschwerden, wo es um Kontakte geht, eingesetzt werden. „Autisten reagieren ganz archaisch auf die Klänge“, weiß Professor Eckart Altenmüller.
Auch in den USA wurde die Musiktherapie schon vor vielen Jahren erforscht. Die so genannte GIM (Geleitete Imagination durch Musik) wird bereits seit Jahren in Kliniken, Krankenhäusern und psychologischen Praxen angewendet. Musik kann heilen und fördert die positive Entwicklung bei schweren Krankheiten wie Krebs, schwere Arthritis oder AIDS. Zahlreiche amerikanische Studien belegen, dass die Schwingungen der Klänge den Körper unbewusst durchdringen. Die offenkundigste, messbare Reaktion ist der Herzschlag. Barockmusik wie die von Komponisten wie Vivaldi, Corelli, Bach oder Händel hat ein Tempo von 60 Schlägen pro Minute und wirkt entspannend.
Musik muss der Stimmung entsprechen
Wer allerdings gestresst von der Arbeit nach Hause kommt, sollte seine Anspannung langsam verringern. Das heißt, die Isomorphie (Synchronisation) geht von einer Gleichschaltung von Stimmung und Musik aus. Angemessen wäre also zum Beispiel der Canon in D-Dur von Pachelbel oder der langsame Satz des Cello-Konzertes von Haydn. Auch die Atemfrequenz wird durch Musik beeinflusst. Laute Musik mit unregelmäßigem Rhythmus wirkt sich unter Umständen störend auf den Organismus aus.
Auch die Muskelstärke wird beeinflusst
An der Stanford University Medical Center untersuchten Wissenschaftler, ob Musik die Muskelaktivität verändert. John Diamond fand heraus, dass die Muskelstärke sich bei den Testpersonen je nach Musikstück stark verändert. Für seinen Test veränderte Diamond über 20.000 unterschiedliche Stücke. Eine Muskelschwäche trat nur bei zwei klassischen Werken wie La valse von Ravel und Le sacre du printemps auf. Die positiven Ergebnisse sorgten dafür, dass mittlerweile rund 5000 Musiktherapeuten in den USA tätig sind. Die Musiktherapeutin Jayne Standley von der Florida State University stellte eine signifikante Stressreduktion der Patienten vor und nach der Operation fest, wenn klassische Musik eingesetzt wurde. Auch die US-Amerikaner fanden eine positive Beeinflussung bei frühgeborenen Babys mit klassischer Musik, um deren Gewichtszunahme positiv zu beeinflussen. Jacqueline Sue Chapman untersuchte für ihre Dissertation an der New York University 153 Frühchen aus drei verschiedenen Krankenhäusern. Diejenigen Babys, denen in ihrem Brutkasten Brahm’s Wiegenlied sechsmal täglich vorgespielt wurde, konnten rund eine Woche früher aus dem Krankenhaus entlassen werden als die Vergleichsgruppe ohne musikalische Begleitung. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Da die Musik die Säuglinge beruhigte, verringerten sie ihre Bewegungen und sparten somit wertvolle Energie, die sie zur Weiterentwicklung benötigten. Selbst Profi- und Ausgleichssportler empfinden weniger Belastung beim Training, wenn sie Musik hören. Forscher an der Ohio State University wie Gobi A. Tejwani und andere fanden heraus, dass bestimmte Klänge den Stress bei der körperlichen Betätigung reduzieren. Der Atem wird reguliert und die Muskelkoordination gefördert. In einer Untersuchung mit Schülern kam heraus, dass sich deren Noten erheblich verbesserten, nachdem sie aufgehört hatten, Rockmusik im Hintergrund während der Schularbeiten laufen zu lassen. Ist Rock folglich schädlich? John Diamond erforscht zusammen mit Musikern die Lebensenergie in der Musik. Seiner Ansicht nach besitzen bestimmte Arten von Rockmusik einen anapästischen Rhythmus, der dem natürlichen Rhythmus unseres Körpers diametral entgegengesetzt ist.
Beschallung von Pflanzen und Mäusen
Beeindruckend sind die Studien mit denen die Wirkung von Musik auf Pflanzen und Tiere untersucht wurde. Bereits 1970 beobachtete die Profi-Musikerin Dorothy Retallack das Wachstum von Pflanzen wie Mais, Petunien, Zinnien, Tagetes und Kürbis, die entweder mit Acid Rock-Musik oder klassischen Klängen beschallt wurden. Die Tagetes, die dem Hardrock ausgesetzt waren, waren nach 16 Tagen fast alle eingegangen. Der Kürbis, der klassischen Klängen ausgesetzt war, wuchs um den Lautsprecher herum, während sich der Kürbis mit Rockmusikdröhnung in entgegengesetzter Richtung wuchs. Als sehr aufschlussreich erwies sich auch eine Untersuchung an Mäusen, deren Hirngewebe durch dissonante Klänge verändert wurde und die Lernfähigkeit minderte. Die Neurobiologin Gevasia M. Schreckenberg am Georgian Court College sowie der Physiker Harvey H. Bird an Fairleigh Dickinson University setzten Mäuse Tag und Nacht Trommelschlägen aus. In der Zeit von acht Wochen sollten sie durch ein Labyrinth zu ihrem Fressen gelangen. Eine andere Mäuse-Kontrollgruppe hörte den Strauss-Walzer. Bei den Mäusen, die mit dissonanten Klängen beschallt wurden, zeigten die Neuronen stressbedingte Verschleißerscheinungen. Weiter ein abnormes Wachstum der Neuronen im Hippocampus, einem Teil des Gehirns, in dem die Lern- und Gedächtnisfunktion sitzen soll. Die Forscher folgerten daraus, dass die dissonanten Klänge die Hirnströme im Hippocampus stören und zu einem Verlust des Kurzzeitgedächtnisses führen können. In dieser Art von Musik schlossen die Forscher, sei nichts Heilendes wie in klassischer Musik.
Klassik macht nicht krank
Es ist erwiesen, dass Menschen, die mit klassischer Musik beruflich zu tun haben, länger leben als andere. Durch die Musik werden Gefühle ausgelebt, die in unserer durchrationalisierten Gesellschaft mühsam unterdrückt werden müssen und so zu inneren Spannungen führen. Es lohnt sich folglich, den Griff zur CD vorzunehmen, um sich ohne Nebenwirkungen seelisch zu heilen. Sicher ist es von Kultur zu Kultur verschieden, was als positiv empfunden wird. In unserer westlichen Hemisphäre dürften Mozart, Händel, Bach oder Schubert vertrauter sein als afrikanische Trommeln oder indische Klänge. Wer seine Reaktionen darauf überprüfen will, sollte sich ein Blutdruckmessgerät zulegen und seine Gefühle notieren.
© Corinna S. Heyn
Die musikalische Hausapotheke:
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Musik zum Lernen (nach Georgi Lozanov)
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J. S. Bach
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Orgelfantasie in G-Dur
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Corelli
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Concerti Grossi, Op. 6 Nr. 2,4,5,8,9,10,11,12
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Händel
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Orgelkonzert in B-Dur (Wassermusik)
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Zur Konzentration:
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Händel
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Harfenkonzert
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Haydn
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Klavierkonzert in D-Dur
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Gegen Stress:
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Telemann
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Sonaten für Flöte
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Albinoni
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Adagio g-Moll
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Wagner
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Siegfried-Idyll
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Für mehr Energie:
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Verdi
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Ouvertüre (Die Macht des Schicksals)
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Boccherini
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Gitarren-Konzert, E-Dur
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Tschaikowsky
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Klavierkonzert Nr. 1
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Wagner
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Vorspiel zu ‘Die Meistersinger von Nürnberg’
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Musik zum Alleinsein:
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Franck
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Sinfonie in d-Moll
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Marcello
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Oboen-Konzert op. 1 d-Moll
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Debussy
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Claire de Lune
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